Im Kreislauf des Lebens
Lesachtaler Brotkultur
Es freut mich, Ihnen die besondere Brotkultur des Lesachtals näherzubringen. Sie ist Ausdruck einer Beziehung zwischen Mensch und Erde, zwischen Natur und menschlicher Gestaltungskraft. Ich möchte eine tiefere Beziehung zwischen Mensch, Brot und Natur schaffen.
Die „Lesachtaler Brotherstellung“ ist seit 2010 in das nationale österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Dabei geht es nicht nur alleine um das Brotbacken, sondern auch um die überlieferte Tradition: Getreideanbau, Mahlen des Getreides, Mühlenbau, Bau und Nutzung von Holzbacköfen sowie überliefertes Wissen, Bräuche und Dialektausdrücke.
Im Süden von Kärnten (Österreich), direkt an der Grenze zu Osttirol und nahe der italienischen Grenze – eingebettet zwischen den Karnischen Alpen im Süden und den Lienzer Dolomiten/Gailtaler Alpen liegt das Lesachtal mit dem Hauptorten Maria Luggau und Liesing.
Ein Wallfahrtsweg führt von Italien aus nach Maria Luggau. Der traditionelle Weg startet in Cima Sappada auf etwa 1.300 m und führt über den Passo die Sesis (2312 m) und das Pladener Joch zur Basilika in Maria Luggau.
Die inneralpine Höhenlage prägt das Klima in Maria Luggau 1.170 m. Der abgelagerte Schotter und die feineren Sedimente der Gail und Seitenbäche bilden neben dem Klima die Grundlage für den Anbau von Getreide, insbesondere Roggen, aber auch Weizen.
Es beginnt mit dem Weizenkorn, das in die Erde fallen und sterben muss
Ein Getreidekorn wird in die feuchte und lockere Erde ausgesät. Nach zwei bis drei Tagen sterben, quillt es durch das Wasser auf und verbindet sich durch Bildung feinverzweigter Wurzeln innig mit dem Erdboden. Nach etwa 13 Tagen strebt ja spitzt es im grünen grasigen Halm je nach Wärme nach oben der Sonne entgegen. Wird das Korn im Herbst ausgesät, so geht es dem Winter entgegen. Wenn es im November mal Frost ist, macht es Pause im weiteren Wachstum, bis es je nach Temperaturbedingungen im Neuen Jahr nach oben schosst – wiederholt werden 3 Blättchen bis hin zur Büschelbildung und Halmen gebildet. Erstaunlich ist, dass aus einem Korn sich mehrere Halme mit Ähren entwickeln.
Es ist eine Sinnesfreude den gelbgolden leuchtenden Weizen im Abendlicht zu bestaunen.
„Bei der Betrachtung eines Weizenfeldes lassen sich verschiedene Lichtspiele, die auch von der Tageszeit abhängig sind, beobachten. Das Getreide nimmt intensiv an Licht- und Wärmekräften teil.
„Die Getreideähren sind für den Menschen eine heilsame Quelle. Wer das Getreide isst, nimmt diese Nahrung, über der eine göttliche Hand webt, zu sich.“
1 Heinz Grill
„Der Roggen ernährt den Menschen an Haupt und Gliedern. Er ist für den Geistesarbeiter und den körperlich Arbeitenden gleichermaßen ein wesentliches Grundnahrungsmittel.“
2Udo Renzenbrink
Vom Korn zum Brot – der gesamte Kreislauf
Mit der Kraft des fließenden Wassers
Wer den Weg von der Aussaat über das Reifen der Getreideähren, dem Ernten und Mahlen des Korns in den mit Wasser betriebenen Mühlen verfolgt, wird eine beziehungsvolle und dankbare Haltung entwickeln, wenn das gemahlene Mehl zu Brotteig angesetzt wird.
Das volle Getreidekorn wird zwischen den wassergetriebenen Mühlsteinen gerieben, zermalmt und zu Mehl gemahlen.
ANSETZEN MIT SAUERTEIG
Das Lesachtaler Brot wird aus ⅔ Roggenmehl und ⅓ Weizenmehl zubereitet. Durch den höheren Roggenanteil ist das Brot kräftiger vom Geschmack und auch länger haltbar.
Trinkwasser, Speisesalz, Brotgewürze (wie z.B. Kümmel, Koriander, Fenchel, Anis) Leinsamen, Kürbiskerne werden zu einem geschmeidigen Teig verarbeitet.
Die Hände geben dem Teig Leben
Die Wärme des Ofens, das Feuer, in dem das Brot gebacken wird
Links Sauerteigbrot, rechts Honig Salz Brot, beide Brotteige basieren auf Milchsäuregärung
VOM KORN ZUM BROT – EINE RUNDE SACHE
Vom Aussäen des Getreides bis zum Backen des Brotes entsteht ein lebendiger Zusammenhang zwischen handwerklicher und kunstvoller Arbeit des Menschen, der Landschaft, sowie überliefertem Wissen. Brot wird damit zu einem Ausdruck einer gewachsenen Beziehung zwischen Mensch und Natur.
So wirken beim Entstehen des Brotes alle vier Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer zusammen und es begegnet sich die Arbeit des Menschen mit der Kraft des Getreides.
Empedokles (ca. 490–430 v. Chr.) ein griechischer Denker beschrieb, dass die Welt aus vier grundlegenden Substanzen besteht: Erde, Wasser, Luft und Feuer. Diese Elemente treten in unterschiedlichen Mischungen auf und bilden so alle sichtbaren und unsichtbaren Erscheinungen der Natur.
Später entwickelte Aristoteles (384 – 322 v. Chr.), ein griechischer Universalgelehrter dieses Konzept weiter, indem er jedem Element bestimmte Eigenschaften und Qualitäten zuordnete – heiß, kalt, trocken und feucht.
Anima Mundi, Christ, Adam Kadmon mit den 4 Elementen
Anima Mundi bedeutet wörtlich „Seele der Welt„. Dahinter steht die Vorstellung, dass die Welt nicht bloß aus toter Materie besteht, sondern von einer belebenden, verbindenden Kraft durchdrungen ist. Der Besucher des Mühlenweges kann das Zusammenspiel der Elemente und ihrer Qualitäten beobachten und die bewegte Verarbeitung und Verwandlung durch den Menschen vom Korn zum Brot und für den Menschen erfahren.
Vom Erbe zur Zukunft – Kultur bewusst gestalten
Was ist das Wesen der Kultur ?
So beschreibt Sri Aurobindo (1872–1950), einer der bedeutenden indischen Philosophen und spirituellen Denker, das Wesen der Kultur:
„Kultur ist der höchste Besitz des Menschen; sie ist in Wahrheit die Gestalt seines Seins – das, was er geworden ist und was er zu werden strebt.“
Doch das Individuum ist immer der Schlüssel zum Verständnis der Gemeinschaft und der Menschheit.
Es ist der Mikrokosmos, der die Geheimnisse des Makrokosmos, der universellen Existenz, erschließt. Deshalb müssen wir die individuelle menschliche Persönlichkeit besonders sorgfältig verstehen.“ 3
Heinz Grill lenkt den Blick auf die Frage, wie der Mensch durch bewusste und schöpferische Tätigkeit seine Umwelt und damit Kultur mitgestaltet ? Sie entsteht dort neu, wo der Mensch seine schöpferischen Kräfte entwickelt und durch bewusste Gestaltung eine lebendige Beziehung zur Welt eingeht.1
„Denn das Bewusstsein zu gebrauchen bedeutet im elementarsten Schritt, sich selbst als der Gestaltbildner bewusst zu werden und sich mit einer präsenten Anteilnahme und kreativen Achtsamkeit in die Beziehung zu einem Gesamten zu bringen.“1
Eine Tätigkeit kann Ihm zufolge zu einer kulturellen Handlung werden, wenn der Mensch sie nicht bloß routinemäßig ausführt, sondern mit Aufmerksamkeit, Hingabe, Erkenntnisbemühung und einem freien inneren Verhältnis gestaltet. Der Mensch wird dabei nicht nur zum Bewahrer, sondern zum Gestalter von Kultur.
Kultur wäre dann nicht lediglich das Bewahren des Alten. Kultur bedeutet, das Überlieferte so bewusst zu ergreifen, dass daraus etwas Lebendiges und Zukunftsfähiges entstehen kann.
1Heinz Grill: Ernährung und die gebende Kraft des Menschen – Die geistige Bedeutung der Nahrung, 9. Auflage. Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen 2015, ISBN 978-3-9815855-2-0, S. 184 und 186. und S. 24
2Udo Renzenbrink, Zeitgemäße Getreide-Ernährung, Rudolf Geering Verlag, ISBN 3-7325-0301-2
3 Sri Aurobindo, MOTHER INDIA, S. 12